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arzt & karriere: Medizin & Ökonomie

Interview mit Prof. Dr. Jörg Ruof

Medizin und Ökonomie – was nach einer eher ungewöhnlichen Kombination klingt, fasziniert Professor Jörg Ruof schon seit seiner Facharztausbildung. So absolvierte er zusätzlich ein weiterqualifizierendes MBA-Studium. Heute ist er Head of Market Access bei Roche – und begeistert von seiner Tätigkeit. Woran das liegt, hat er arzt & karriere-Chefredakteur Nicolai Haase erzählt.

Herr Professor Ruof, wie sind Sie in die Pharmabranche gekommen?
Zu Roche kam ich Anfang 2001. Davor war ich bereits zwei Jahre bei Pfizer in Deutschland tätig. Roche bot mir allerdings die Möglichkeit, international zu arbeiten, weswegen ich auch dorthin gewechselt bin.

Wann haben Sie sich entschieden, in eine andere Richtung zu gehen?
Zwei Jahre lang habe ich die Facharztausbildung an der Medizinischen Hochschule Hannover gemacht - allerdings nicht beendet. Ich interessierte mich sehr für Ökonomie und wirtschaftliche Zusammenhänge. Daher habe ich mich zusätzlich im Rahmen eines MBA-Studiums weiterqualifiziert und mit meinem damaligen Chef besprochen, dass ich den Facharztvertrag kündige, die Habilitation und meine Arbeitsgruppe mit Parallelen in die Industrie aber fortführen kann. So war es mir möglich, die klinische Tätigkeit durch eine stärker ökonomische beziehungsweise Managementorientierung zu ergänzen.

Haben Sie beruflich von dem MBA-Programm profitiert?
Zweifellos. Vor allem wenn man anstrebt, international zu arbeiten, bekommt man dafür das entsprechende Handwerkszeug vermittelt. Außerdem hängt der berufliche Erfolg aus meiner Sicht auch stark davon ab, ob man schnell in der Lage ist, Zusammenhänge zu erfassen, zu strukturieren, einzuordnen und die Orientierung zu behalten. In einem solchen Programm lernt man das sehr umfangreich auf verschiedene Kontexte bezogen. Wenn man primär naturwissenschaftlich ausgebildet ist, ist man mit diesen kontextuellen Sichtweisen nicht allzu vertraut.

Worin bestehen Ihre Aufgaben als Head of Market Access bei Roche in Grenzach?
Ich bin für die Durchführung der Nutzenbewertung neuer Produkte zuständig. Als Kernelement beinhaltet das die sogenannten Nutzendossiers, die Auskunft darüber geben, welchen medizinischen oder Zusatznutzen ein Produkt hat.

Was genau ist unter dem Begriff ‚Nutzenbewertung‘ zu verstehen?
Das bedeutet, den Wert des neuen Produktes im Vergleich zu einem, das bereits auf dem Markt ist, darzustellen. Also einerseits: Hat es einen erheblichen, beträchtlichen oder geringen Zusatznutzen? Andererseits: Ist die Evidenzlage sehr gut? Ist das ein Beleg für einen Zusatznutzen oder nur ein Hinweis? – das sind die verschiedenen Kategorien, die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in Berlin festlegt. Das geschieht dabei auf der Basis eines Dossiers, das wir ihm zur Verfügung stellen.

Welche Rolle spielt das von Ihnen und Ihrem Team erstellte Dossier?
Zunächst lässt der Ausschuss es vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, dem IQWIG, in Köln begutachten. Dann erfolgt eine Anhörung in Berlin, bei der wir – eine kleine Delegation von Roche – mit etwa vierzig anderen Teilnehmern präsent sind, die uns Fragen stellen können. Basierend auf unserer Position, dem Dossier und dem Gutachten des IQWIG erstellen die Mitglieder des G-BA dann den Nutzenbewertungsbeschluss.

Das klingt nach einem äußerst komplexen Prozess.
Ist es auch. Man braucht ein umfangreiches medizinisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis, muss sich tief in Zulassungsfragestellungen eindenken können und in solche, die zwischen den entsprechenden Behörden und Firmen diskutiert werden. Man braucht eine solide Kenntnis von evidenzbasierter Medizin und statistischen Grundlagen sowie ein fundiertes Krankheitsverständnis für die jeweils zur Diskussion stehende Indikation. Dabei darf eine gewisse Freude daran nicht fehlen, alles integrativ-crossfunktional zu betrachten, zu integrieren und zu entwickeln – man muss die verschiedenen Sichtweisen der genannten Beteiligten verstehen und im Sinne einer stimmigen Value Story – so nennen wir das – nach vorne bringen.

Worin bestehen die nächsten Schritte, wenn die Nutzendossiers und Bewertungsbeschlüsse fertiggestellt sind?
Danach kommt die Preisverhandlung, der ganze Umgang mit der generierten Information und zunehmend auch Fragen der Befristung von Nutzenbewertungsbeschlüssen, also wie damit zu verfahren ist und welche Daten zu liefern sind, um eine Befristung zu verstetigen. Hier sind wir tiefgreifend involviert. Im Grunde müssen wir den medizinischen Nutzen in messbare Werte übersetzen, oder, wie ich als Slogan sage: ‚Translate Science into Value‘.

Sie sprachen eben schon die anschließenden Preisverhandlungen an. Wie kann man sich diesen Prozess vorstellen?
Seit dem Arzneimittelneuordnungsgesetz von 2011, kurz AMNOG, muss der Preis verhandelt werden. In Deutschland hat das Nutzenbewertungsverfahren zwei Stufen: Zum einen wird zu nächst der Nutzen eines Produktes festgelegt. Zum anderen wird basierend auf diesem Nutzenbewertungsbeschluss dann der Preis mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen verhandelt.

Was würden Sie sagen: Zu wie viel Prozent ist bei Ihrer Tätigkeit eigentlich noch ärztliches Wissen gefordert?
Ärztliche Kenntnisse sind in meinen Augen ganz solide und essenzielle Grundvoraussetzungen. Ein Verständnis für die Krankheit, die Therapiemöglichkeiten, ärztliche Denkweisen und auch Leitlinien, die in diesem Kontext stets zu berücksichtigen sind, sind dabei eine hervorragende Basis. Das muss allerdings ergänzt werden durch zusätzliche Kenntnisse – idealerweise auch eine weitere Qualifikation – zum Beispiel im Bereich Public Health, Health Sciences oder Business Administrations.

Ich nehme mal an, Sie hätten nicht vermutet, heute in dieser Position zu arbeiten, als Sie bei Roche angefangen haben. Ist das für Sie persönlich ein Gewinn?
Also im Moment macht mir meine Tätigkeit richtig Spaß. Ich habe den Vorteil, in einem großen internationalen Konzern tätig zu sein, mit allen Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen, die ein solcher bietet. Ich habe die Möglichkeit, an Themen zu arbeiten, die unbeschreiblich spannend sind. Die sowohl innerhalb der Organisation Diskussionen hervorrufen – Wie müssen wir in Zukunft klinische Studien aufsetzen? Auf welche Krankheitsbilder bezogen? – als auch außerhalb. Für mich gibt es derzeit nichts Spannenderes, als in so einer Phase, einer solchen Funktion und diesem Unternehmen mit tollen Produkten und einer tollen Pipeline tätig zu sein.

Ganz konkret gefragt: Was macht Ihre Arbeit Ihrer Meinung nach für Ärzte so interessant?
Ich erkläre das am besten anhand eines Beispiels: Kürzlich hatten wir die Anhörung zu unserem Produkt Vismodegib, das bei Basalzellkarzinomen eingesetzt wird. Bei dieser Art von Hautkrebs werden massive Teile des Gesichts oder Kopfbereichs angegriffen und regelrecht zerfressen. In Deutschland gibt es relativ wenige Patienten mit einem fortgeschrittenen Basalzellkarzinom. Für sie gab es bisher überhaupt keine Therapiemöglichkeit – lediglich etwas Linderung durch Salben und Verbände. Jetzt haben wir dieses – aus meiner Sicht – hervorragende Produkt entwickelt, ein absoluter Therapiefortschritt.

... den Sie nun auch den Zulassungsbehörden klarmachen müssen?
Genau. Jetzt geht es darum, eine andere Partei von Fortschritt und Nutzen des Produktes zu überzeugen und vom Wert einer solchen Innovation. Dabei tut man sich mit Verständnis der ganzen Zusammenhänge leichter und hat eher ein Gefühl für die Frustration, die Patienten bei fehlenden Therapieoptionen haben. Je mehr man ein Gespür hat für die Begeisterung, die ein sichtbarer Therapiefortschritt bei einzelnen Patienten hervorrufen kann, desto mehr versteht man, wie wichtig das in der Versorgung ist.

Was würden Sie Kollegen oder auch Absolventen eines Medizinstudiums raten, die sich fragen, wie es beruflich für sie weitergehen soll?
Zunächst sollte man Fragen klären wie: In welche Richtung will ich? Wo fühle ich mich wohl und wo drängt es mich hin? Ich selbst habe noch immer eine große Affinität und Sympathie für die direkte Patientenversorgung. Ich denke, das ist die Basis der medizinischen Ausbildung, die man nie aus dem Blick verlieren sollte.

Und wenn man merkt, da könnte es tatsächlich etwas Anderes geben, als den Arztberuf im klassischen Sinne?
Wenn es – wie bei mir – noch weitere Aspekte gibt, die einen beschäftigen, sollte man die Möglichkeit in Betracht ziehen, sich auch für andere Berufsprofile zu öffnen. Hier sind dann eine Zusatzausbildung in den genannten Bereichen und eine Tätigkeit in der Industrie tolle Optionen. Denn dort ist eine hohe Sachkenntnis, Professionalität und die Freude an wirtschaftlichen und organisatorischen Zusammenhängen erforderlich. In meiner jetzigen Funktion im Market Access bietet sich mir durch die Vielfältigkeit der Arbeit genau das: mich auf hohem Niveau mit Fachwissen, Ambition und schlicht Spaß an der Arbeit einzubringen.

Prof. Dr. Jörg Ruof hat Medizin in Witten/Herdecke, Hannover und Kanada studiert und einen MBA an der
Edinburgh Business School absolviert. Seit 2001 arbeitet er bei Roche, wo er derzeit als Head of Market Access tätig ist.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 2/2014 des Magazins arzt & karriere erschienen. arzt & karriere wird von dem Verlag Evoluzione Media AG herausgegeben. Weitere spannende Artikel finden Sie auf www.academicworld.net.

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Emil-Barell-Str. 1
79639 Grenzach-Wyhlen

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