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„Ernährung - ein gut sitzendes Kleid“

Interview mit Ernährungsexpertin Sonja Mannhardt aus Schliengen. Sie erklärt, warum sie von Diäten nichts hält. (Von Verena Wehrle)

Seit über zehn Jahren sind Sie bereits als Ernährungsexpertin in Schliengen tätig. Um welche Probleme in der Ernährung haben Sie sich in dieser Zeit gekümmert?
Ich habe mich auf Adipositas (Übergewicht), Essstörungen, Allergien und Unverträglichkeiten spezialitsiert. Meine Hauptklientel sind Kinder, Jugendliche, Frauen und Manager.

Und wie läuft eine solche Ernährungsberatung ab?
Eine qualifizierte Ernährungsberatung geht von einer genauen Analyse aus, diese dauert etwa eine Stunde. Erst dann wissen mein Klient und ich, wo das Problem sitzt. Danach ist Beratung „Hilfe zur Selbsthilfe“. Hier steht nicht das Wissen im Vordergrund, sondern das Erkennen und Verstehen der eigenen Verhaltensweisen, der eigenen Widerstände. Es geht dabei nicht nur um das banale „Was soll gegessen werden?“, sondern auch um das Wie viel, das Wo, wann, mit wem, wie oft und natürlich das wozu gegessen wird, also die ganzheitliche Betrachtung von Essen als körperlich, emotionales und soziales Phänomen. 

„5 -Mal am Tag Gemüse essen“, „Auf Süßes verzichten“ usw. - Es gibt unzählige Regeln für eine gesunde Ernährung. Sie sind jedoch keine Expertin, die mit erhobenem Zeigefinger strenge Regeln aufstellt. Wie gelingt es Ihnen dennoch immer wieder Menschen zu einer gesunderen Ernährung zu verhelfen?

Die EINE gesunde Ernährung gibt es nicht. Essen ist mehr als die Auswahl von Lebensmitteln. Der Mensch muss zu einer Ernährung finden, die ihm gut tut, die er dauerhaft beibehalten kann, die zu ihm passt, so wie ein gut sitzendes Kleid. Und ich gehe mit meinem Klienten auf die Suche nach einer solchen Ernährung.

Und wie werden sie bei der Suche erfolgreich?
Über die Beachtung der eigenen Körpersignale.

Wie funktioniert das?
Wahrnehmen was ist. Isst der Mensch, weil er Hunger hat, oder aus Heißhunger oder gar Lust? Hört der Mensch auf, wenn er satt ist, oder erst, wenn er vollgefuttert ist? Erst wer weiß, was er genau tut, kann auch etwas ändern. Essen, wenn man Hunger hat und damit aufhören, wenn man satt ist, ist das Ziel. Heißhunger und Völlerei vermeiden durch geregelte  Mahlzeiten sind nur einige Themen, die wir aufgreifen. 

Aha. Dann sollte man sich also vom eigenen Hunger leiten lassen und dabei auf seinen Körper hören. Klingt einfach. Kann das jeder?
Richtig, es klingt einfach, ist aber gar nicht so leicht. Je älter Menschen werden, desto stärker sind sie abhängig von Außenreizen. Die Körperwahrnehmung gerät bei vielen Menschen in den Hintergrund. Sie essen nicht, wenn sie Hunger haben, sondern wenn Zeit dazu ist. Sie hören erst auf zu essen, wenn der Bauch drückt. Viele Menschen nutzen Essen auch als Ersatzhandlung für unangenehme Gefühle oder orientieren sich zu sehr an dem, was Experten ihnen sagen, was gut für sie ist.  In meiner Beratung lernen die Menschen sich selbst besser kennen und sich vertrauen, egal, ob sie Diät halten müssen, weil sie krank sind, oder weil sie Gewicht verlieren oder gar zunehmen wollen.

Wenn ich also frei von Ernährungsregeln esse, bin ich der gesunde Mensch schlechthin?
Das frei VON heißt nicht zügellos, maßlos. Eine grenzenlose Freiheit gibt es auch in der Ernährung nicht ohne einen Preis zu zahlen. Die Freiheit liegt darin, sich selbst Grenzen zu setzen, sich dort zu disziplinieren, wo es für das eigene Wohlbefinden nützlich ist. Genuss liegt bekanntlich in der Mitte und diese Mitte zu finden, darum geht es. 

Also spielt hier Selbstkontrolle eine große Rolle. Doch Gesundheit hängt doch nicht nur von der Ernährung ab. Was brauche ich noch, um ein gesunder Mensch zu sein?
Faktoren wie ausreichend Bewegung, ausreichend Schlaf, genügend Muße, Freude an der Arbeit, im Leben, intakte soziale Beziehungen, das Gefühl einen Beitrag zu leisten, wertvoll zu sein, geliebt zu werden, so wie man ist,  Anerkennung zu bekommen für das, was man tut, ein Lächeln, frische Luft, der Sinn für das Schöne, eine spirituelle Basis, sich so viel Zeit alleine zu gönnen, wie wir brauchen und so viel Zeit mit anderen verbringen, wie uns gut tut,  all dies sind Aspekte, die das ausmachen, was wir Gesundheit nennen.

Um sich wohl und gesund zu fühlen machen viele Menschen eine Diät nach der anderen. Was halten Sie als Ernährungsexpertin von Diäten?
Von Diäten halte ich überhaupt nichts, weil sie die Lebensweise in keiner Weise zu beeinflussen mögen, sondern sich ausschließlich auf die Lebensmittelauswahl beschränken – je nach Diät. Mit jeder Diät kann man Gewicht verlieren, aber mit keiner dieses verlorene Gewicht auf Dauer halten, denn weicht diese Lebensmittelauswahl allzu sehr von der Tradition und der Kultur ab, so ist sie nicht ein Leben lang durchzuhalten. Die Kunst besteht also nicht darin, abzunehmen, sondern eine Ernährungsweise zu praktizieren, die ein Leben lang durchzuhalten ist und uns im Gleichgewicht hält. Patentlösungen für Jedermann gibt es da nicht, denn Menschen sind gottlob verschieden. 

Kann eine Diät also auch schaden?
Bei Menschen, die ihre Gesundheit mit allzu vielen Diäten oder Pülverchen erhalten wollen, ja. In meiner Praxis beispielsweise boomen seit Jahren die Diät-induzierten Essstörungen und die sogenannten Orthorexien (Das ist die krankhafte Sucht, sich gesund ernähren zu wollen).

Vielen Dank für das interessante Interview!

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