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Zeckengefahr

Interview mit Dr. Katharina von der Hardt

Zeckengefahr in der Region. Fragen und Antworten dazu von Dr. Katharina von der Hardt, Fachbereich Gesundheit des Landratsamtes Lörrach.

SW+: Welche Gefahren gehen von Zecken aus?
Dr. von der Hardt: Durch den Biss einer Zecke können Krankheiterreger auf den Menschen übertragen werden. Von Bedeutung sind vor allem ein Flavivirus als Erreger der Frühsommer-Meningoencephalitis (FSME) und ein Bakterium des Genus „Borrelia“ als Erreger der Borreliose.

Während für Borrelien von einer Infektionsgefährdung in allen Teilen Deutschlands auszugehen ist, treten in Deutschland FSME Infektionen nur in bestimmten geographischen Regionen auf. Baden-Württemberg zählt zu den sogenannten FSME Risikogebieten. Als Risikogebiete gelten FSME-Endemiegebiete, in denen ein deutlich erhöhtes FSME-Infektionsrisiko nach Zeckenbiss durch Erkrankungsfälle belegt ist.

Es ist davon auszugehen, dass 5 - 35 % der Zecken mit Borrelien und ca. 0,1 - 5% der Zecken in den FSME-Endemiegebieten Deutschlands mit dem FSME-Virus infiziert sind. Nicht jeder Stich einer infizierten Zecke führt zu einer Erkrankung.

FSME: Nach einer Infektion mit dem FSME Virus durch einen Zeckenbiss treten bei ca. 30% der Infizierten Krankheitserscheinungen auf. Die Erkrankung verläuft in zwei Phasen: 7-14 (bis 28) Tage nach dem Biss treten zunächst grippeähnliche Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Erbrechen und Schwindelgefühl auf. Nach einem fieberfreien Intervall von etwa einer Woche (bis zu 20 Tagen) kommt es bei etwa 10% der Infizierten zu einer zweiten Krankheitsphase mit Hirnhaut- bzw. Gehirnentzündung. Es treten erneut Fieber, Erbrechen, Kopfschmerzen und weitere neurologische Symptome auf. Bei Beteiligung des Zentralnervensystems sind bleibende Schäden und auch Todesfälle möglich. Schwere Krankheitsverläufe werden fast nur bei Erwachsenen beobachtet. Die Behandlung erfolgt symptomatisch.

Borreliose: Nach einer Infektion mit Borrelien durch einen Zeckenbiss kann eine Borreliose auftreten. Die Symptomatik ist vielgestaltig und betrifft insbesondere Haut, Nervensystem, Gelenke und Herz. Die Behandlung erfolgt wirksam durch Antibiotika. Man unterscheidet bei der Borreliose drei Stadien, wobei Stadium I Tage bis Wochen, Stadium II Wochen bis Monate und Stadium III Monate bis Jahre nach der Infektion auftreten kann.

Typisch für Stadium I ist das „Erythema (chronicum) migrans“, die sogenannte Wanderröte. An der Bissstelle entsteht aus einem anfänglichen Knötchen eine schmerzlose, wandernde, oft ringförmige Rötung. Unspezifische Allgemeinerscheinungen wie Fieber, Bindehautentzündung, Kopfschmerzen, Muskel- und Gliederschmerzen sowie Lymphknotenschwellungen können begleitend auftreten.

Für Stadium II sind neurologische Symptome wie brennende Schmerzen, Lähmungen (z.B. eine Gesichtsnervenlähmung („Facialisparese“)) oder Gefühlsstörungen kennzeichnend. An der Haut kann (bevorzugt an Ohrläppchen, Brustwarzen oder Hodensack) das „Borrelien-Lymphozytom“ als eine rötliche, knotenförmige Schwellung auftreten. Relativ selten kommt es zu einer Beteiligung des Herzens, meist mit Herzrhythmusstörungen.

Das Stadium III ist gekennzeichnet durch schubweise oder chronisch verlaufende Gelenkentzündungen. Am häufigsten sind die Kniegelenke betroffen, aber auch Sprunggelenke, Ellenbogen-, Finger-, Zehen- und Handwurzelgelenke sowie Kiefergelenke können beteiligt sein.

Für Stadium III sind auch Hautveränderungen („Acrodermatitis chronica atrophicans“) typisch. Hierbei kommt es zu einer papierdünnen, bläulich verfärbten Haut. Betroffen sind vor allem die Finger- und Zehenspitzen sowie die Streckseiten der Extremitäten.

SW+: Wie hoch ist die Gefahr im Landkreis Lörrach? Wann und wo ist sie besonders hoch und wo eher niedriger?
Dr. von der Hardt: Seit Einführung der Meldepflicht für FSME im Jahr 2001 wurden dem Gesundheitsamt im Landkreis Lörrach in den Jahren 2001-2012 insgesamt 21 Fälle einer FSME Erkrankung (0-6 Fälle pro Jahr) gemeldet. Die Erkrankungen traten in den Monaten April bis September mit einem Häufigkeitsgipfel im Monat Juli auf.

Da eine Borreliose in Baden-Württemberg nicht meldepflichtig ist, stehen keine zuverlässigen Daten hinsichtlich der Zahl von Borreliose-Erkrankungsfällen im Landkreis Lörrach zur Verfügung.

Zecken halten sich bevorzugt in Wäldern in nicht zu trockenen Lagen, in hohem Gras und Gebüsch sowie in losem Laub auf. Die Gefahr, von Zecken gebissen zu werden, besteht daher insbesondere bei Aufenthalten im Freien mit Kontakt zu bodennahen Pflanzen (z.B. hohes Gras, Kraut, Farne, Strauchwerk).

SW+: Wie kann man sich schützen (ist eine Impfung zu empfehlen)?
Dr. von der Hardt: Zeckenbisse sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Um die Gefahr von Zeckenbissen zu verringern, empfiehlt es sich, bei Aufenthalt im Freien mit Kontakt zu bodennahen Pflanzen (s.o.) langärmelige Kleidung, lange Hosen und festes Schuhwerk zu tragen, um möglichst viel Körperoberfläche zu bedecken. Auf heller Kleidung können noch krabbelnde Zecken besser entdeckt werden.

Insektenschutzmittel zum Aufbringen auf die Haut (Repellentien) bieten nur einen zeitlich begrenzten und keinen vollständigen Schutz. Nach Aufenthalten im Freien in zeckengefährdeten Gebieten sollte der gesamte Körper sorgfältig nach Zecken abgesucht werden. Hierbei ist zu beachten, dass die Zecken auch am behaarten Kopf sitzen können.

Die aktive Immunisierung gegen FSME durch Impfung ist ein wirksamer Schutz vor einer FSME Erkrankung. Die Impfung wird von der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) Personen empfohlen, die in FSME-Risikogebieten Zecken exponiert sind. In Baden-Württemberg ist die FSME-Impfung durch die zuständige Länderbehörde ohne geografische Einschränkung öffentlich empfohlen. Es stehen Impfstoffe verschiedener Hersteller für Kinder ab einem Jahr und für Erwachsene zur Verfügung. Für einen kompletten Impfschutz sind drei Impfungen sowie regelmäßige Auffrischimpfungen in Abständen von 3 bzw. 5 Jahren erforderlich.

SW+: Wie verhält man sich, wenn man eine Zecke am Körper entdeckt, bzw. wenn man gebissen wurde?
Dr. von der Hardt: Eine Zecke muss umgehend entfernt werden, das Infektionsrisiko steigt mit der Dauer des Saugaktes. Die sachgerechte Entfernung erfolgt am besten mit einer Zeckenpinzette. Der Zeckenkörper darf nicht gequetscht werden, damit kein erregerhaltiger Zeckeninhalt in den Menschen übertritt. Es dürfen keine überflüssigen Manipulationen an der Zecke durchgeführt werden (z.B. kein Öl, keinen Klebstoff auftragen). Nach der Entfernung der Zecke sollte die Bissstelle sorgfältig desinfiziert werden.

Eine postexpositionelle Impfung nach Zeckenbiss gibt es nicht.

Es besteht die Möglichkeit, im Einzelfall die entfernte Zecke auf das Vorhandensein von Krankheitserregern, wie z.B. FSME oder Borreliose, in einem Diagnostiklabor untersuchen zu lassen. Eine generelle prophylaktische Antibiotikagabe nach Zeckenstich wird derzeit nicht empfohlen.

Nach einem Zeckenbiss sollte die Bissstelle in den nächsten Wochen beobachtet werden. Bei einer Rötung der Bissstelle oder bei Beschwerden, die auf eine durch Zecken übertragbare Erkrankung (s.o.) hinweisen könnten, wird empfohlen, einen Arzt aufzusuchen.

Vielen Dank für das Interview und genießen Sie den schönen Sommer!

Literatur:
RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten – Merkblätter für Ärzte: Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Aktualisierte Fassung Juni 2011. Erstveröffentlichung im Epidemiologischen Bulletin 16/1999   RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten – Merkblätter für Ärzte: Lyme-Borreliose Aktualisierte Fassung April 2007; Erstveröffentlichung im Epidemiologischen Bulletin 22/1999.   Mitteilung der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (RKI) Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut / Stand: Juli 2012 Epidemiologisches Bulletin 30. Juli 2012 / Nr. 30, 283-310

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