Macher für die Industriewelt

Macher für die Industriewelt

Endress+Hauser rollt die betriebliche Ausbildung global aus. Einzelne Azubis vom Produktionsstandort Maulburg haben ihre Lernlandschaft im Wiesental verlassen, um mit indischen Jugendlichen zu arbeiten. Ein gemeinsames Pilotprojekt der Standorte Flowtec und Maulburg soll junge Menschen in Aurangabad in Indien mit einer Ausbildung besser qualifizieren und ihnen neue berufliche Perspektiven geben.
Auf den ersten Blick unterscheidet sich nicht viel von der Ausbildung am deutschen Endress+Hauser Standort. Nur sitzen die fünf Ausbilder mit ihren acht Lehrlingen nicht im Wiesental, sondern im indischen Aurangabad, an einem der regionalen Endmontagestandorte. Seit Oktober arbeiten die indischen Auszubildenden in ihren praktischen Phasen sowohl am Produktionsstandort als auch in der Vertriebsgesellschaft. Die jungen Männer zwischen 14 und 18 Jahren bilden sich innerhalb eines Jahres zu Elektronikern weiter. In den praxisorientierten Schulblöcken büffeln sie in einer modernen Lehrwerkstatt auf dem Endress+Hauser Campus die Grundlagen der Elektrik, Elektronik und Mechanik.
Die Initiative für das Projekt stammt von Urs Endress, dem ehemaligen Leiter der Vertriebsgesellschaft in Frankreich. Seit vielen Jahren fördert Urs Endress den weltweiten Export der dualen Ausbildung nach deutschem Modell mit praktischen Phasen sowie schulischer Ausbildung. Sein Antrieb sind verbesserte Bildungschancen für junge Menschen, eine höhere Qualität unseres Nachwuchses, der intensive Austausch zwischen den Produktionsstandorten und die Option, Endress+Hauser in all seinen Facetten kennenzulernen. „Wir wollen in junge Menschen investieren und ihnen eine Perspektive bieten“, sagt Urs Endress.

Wissen praktisch anwenden

Ziel ist es, die Auszubildenden zu selbstständigen Mitarbeitenden zu machen, die Spaß daran haben, sich weiterzuentwickeln, und die ihr Wissen praktisch anwenden. „Das heutige indische Berufsbildungssystem entspricht nur bedingt den Erfordernissen einer modernen Industrie. Es ist zu theorielastig“, erläutert Jens Kröger, Abteilungsleiter der Personalentwicklung in Maulburg und Leiter des Bildungsprojektes.
In den berufsbildenden Schulen zeichnen Schüler zum Beispiel Schaltkreise ab, lernen aber das Prinzip dahinter nicht. Eigenständiges Arbeiten wird nicht gefördert. Daher werden sie nach ihrem Abschluss vor allem für Routinearbeiten eingesetzt. Die neuen Lehrlinge in Aurangabad hingegen entwickeln und reflektieren elektrotechnische Schaltungen selbst und besprechen diese dann mit den Ausbildern. „So lernen sie, Lösungen für Probleme zu finden, Verantwortung zu übernehmen und auch Prozesse im eigenen Unternehmen zu hinterfragen“, erklärt Kröger.

Austausch für mehr Offenheit und Wissen

Ein wichtiger Erfolgsfaktor des Projektes ist der Wissensaustausch zwischen Deutschland und Indien. Schon vor dem Start der dualen Ausbildung absolvierten fünf langjährige Mitarbeiter des Produktionsstandorts in Aurangabad einen Lehrgang bei der deutschen Außenhandelskammer in Pune und bei am Standort Maulburg, um sich auf ihre Rolle als Ausbilder vorzubereiten.
Der Austausch erfolgt in beide Richtungen. Auch Maulburger Studenten und Azubis helfen vor Ort, das Projekt ins Rollen zu bringen. Paul Sutter wirkte während seines Fachsemesters für fünf Monate beim Aufbau des dualen Bildungskonzeptes mit. An der Ausbildung in Maulburg schätzt er die gut ausgestattete Lehrwerkstatt und den Stellenwert, den das Thema Nachwuchsförderung für Endress+Hauser hat. „Wir werden sehr gut von den Ausbildern begleitet, können jederzeit fragen und erlangen die Fähigkeit, selbstständig zu arbeiten sowie uns selbst Wissen anzueignen. Es ist toll, dass wir dieses Konzept jetzt auch für Kollegen in Indien ermöglichen“, sagt Paul.
Aktuell ist Maximilian Klingele, Azubi zum Elektroniker für Geräte und Systeme im zweiten Lehrjahr, in Aurangabad. Seit Mitte April hilft er den Azubis vor Ort bei der Prüfungsvorbereitung und den Ausbildern bei der Prüfungskonzeption. Seinen Aufenthalt in Indien sieht er als große Chance. „Ich wurde herzlich aufgenommen und bin mir sicher, wir können in der gemeinsamen Zeit viel voneinander lernen“, so Maximilian: „Es macht mir Spaß, die Azubis in Elektronik zu unterrichten. Mich selbst bringt der Aufenthalt in meiner Persönlichkeit weiter. Ich bin das erste Mal so weit von zu Hause weg und muss mich in einem fremden Land mit einer anderen Sprache zurechtfinden.“

Auf dem richtigen Weg

Vier der acht Auszubildenden will Endress+Hauser nach der Ausbildung übernehmen. Die anderen werden das Unternehmen mit sehr guten Berufsaussichten verlassen „Die Lehre bietet den jungen Menschen, die aus ländlichen Gegenden kommen, eine reale Aufstiegschance“, sagt Jens Kröger. Auch die Geschäftsführer der Endress+Hauser Produktion in Aurangabad hoffen auf einen langfristigen Nutzen des Projekts. „Obwohl Endress+Hauser mit rund 500 Mitarbeitern in Indien ein vergleichsweise kleines Unternehmen ist, leisten wir so einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Region“, berichtet Kulathu Kumar, Geschäftsführer des Werks für Durchflussmesstechnik. „Mit diesem Projekt werden wir zu einem Vorreiter in der Berufsbildung“, meint er. Sein Kollege, Sriram Narayanan, ergänzt: „Die indische Wirtschaft entwickelt sich rasant. Für die Zukunft brauchen wir nicht mehr Leute, sondern besser ausgebildete.“

Die nächsten Schritte

Das nächste Ausbildungsprojekt wird Endress+Hauser Maulburg noch in diesem Jahr in Greenwood in den USA starten, wo sich Vertrieb und Produktion samt Entwicklung einen Campus teilen. In den USA wird zukünftig dann die volle deutsche Berufslehre über drei Jahre angeboten. Praxisphasen im Betrieb wechseln sich mit mehrwöchigen theoretischen Blöcken in einem Bildungszentrum ab.

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